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046 Legionärshelm

Helmlos in den Hinterhalt? Römer in Westfalen

Römischer Legionärshelm, Typ Hagenau

Fundort

Haltern am See

Kreis Recklinghausen


Fundumstände

Kontext: Römisches Hauptlager, Grube

Datum: 3. März 1961


Objekt

Material: Buntmetall

Länge: 28,2 cm

Breite: 21,0 cm

Höhe: 20,0 cm


Datierung 

7/5 v. bis 9/16 n. Chr. 

Epoche: Frühe römische Kaiserzeit

Kultur: Römisch

Helmlos in den Hinterhalt? Römer in Westfalen

Eigentlich sollte man meinen, dass für römische Legionäre »Helmpflicht« bestand und sie diese im eigenen Interesse einhielten. Aber warum lag dann dieses halbkugelige Exemplar aus Buntmetall, das zur Standardausrüstung gehörte, in einer kleinen Grube im Hauptlager von Haltern? Sollte ein Soldat der dort stationierten 19. Legion tatsächlich ohne Kopfschutz auf Geheiß des Varus zum Feldzug aufgebrochen sein? Natürlich nicht! Alle Legionäre werden mit einem funktionstüchtigen Helm ausgestattet gewesen sein. Mit Nackenschutz, Stirnbügel und Wangenklappen war er eine wichtige Schutzwaffe und bot gewisse Sicherheit vor Kopf- und Nackenverletzungen. Bei diesem Fundstück fehlen jedoch die Wangenklappen, die den Schutz der Gesichtspartien garantieren sollten. Womöglich wurde der Helm daher entsorgt. 

Doch auch funktionstüchtige Helme haben Legionäre nicht vor den aus dem Hinterhalt angreifenden germanischen Stämmen unter der Führung des Cheruskers Arminius schützen können. Die 17., 18. und 19. römische Legion wurden von den germanischen Kriegern im Jahr 9 n. Chr. nahezu komplett ausgelöscht. Ihr Feldherr Varus soll sich in sein eigenes Schwert gestürzt haben. Wurde mit dieser verheerenden Niederlage das Ende der römischen Eroberungen in den Gebieten der freien Germanen rechts des Rheins eingeläutet?

In Westfalen waren die römischen Legionen nur 28 Jahre stationiert. Seit 11 v. Chr. hatten sie entlang der Lippe mehrere Militärlager angelegt, um von hier aus Eroberungsfeldzüge in Richtung Osten vornehmen zu können, archäologisch überliefert sind Lager in Dorsten-Holsterhausen, Haltern am See, Olfen-Sülsen, Lünen-Beckinghausen, Bergkamen-Oberaden und Delbrück-Anreppen. Weitere Römerlager liegen in Bielefeld-Sennestadt, Porta Westfalica-Barkhausen und Rüthen-Kneblinghausen. Mit dem Rückzug der römischen Truppen an den Rhein zu Beginn der Regierungszeit des Kaisers Tiberius wurden 16 n.Chr., also sieben Jahren nach der Varusschlacht, die letzten Stützpunkte an der Lippe endgültig aufgelassen.

Der Forschung bieten diese 28 Jahre römischer Präsenz in Westfalen zahlreiche archäologische Quellen, die ein lebhaftes Bild vom römischen Militär und seiner Strategie in augusteischer und frühtiberischer Zeit entstehen lassen. Haltern gilt als wichtigster römischer Stützpunkt an der Lippe, nachgewiesen sind hier etwa ein Hauptlager mit fester Innenbebauung, in dem es repräsentative Häuser für die Feldherren gab, und eine Marinebasis mit Anlegestelle, Schiffshäusern und Kasernen. Oberaden wurde dagegen nur wenige Jahre als Mehrlegionenlager und Holsterhausen nur zeitweise als Marschlager genutzt. So wurden die Nachschubwege an der Lippe gesichert – bis die Römer ihre Strategie änderten und Westfalen aufgaben.

Bettina Tremmel, Lisa Stratmann

Museum

LWL-Römermuseum, Haltern am See

Weiterführende oder zitierte Literatur

Rudolf Aßkamp, Haltern, Stadt Haltern am See. Kreis Recklinghausen. Römerlager in Westfalen 5 (Münster 2010).

Thomas Fischer, Die Armee der Caesaren. Archäologie und Geschichte (Regensburg 2012) 144.

Marcus Junkelmann, Die Legionen des Augustus 15(München 2015).

Hans Klumbach, Römische Helme aus Niedergermanien (Köln 1974) 27–28.

Martin Müller, Die römischen Buntmetallfunde von Haltern. Bodenaltertümer Westfalens 37 (Mainz 2002) 34 und Kat. Nr. 430, Taf. 39.

Henry Russel Robinson, The Armour of Imperial Rome (London 1975) 30–31. 

Römisch-Germanischen Museum (Hrsg.), Römer am Rhein. Ausstellungskatalog Köln (Köln 1967) 204.

Sigmar von Schnurbein, Die Römer in Haltern. Einführung in die Vor- und Frühgeschichte Westfalens 2 (Münster 1979) 36.

Velleius Paterculus, Historia Romana 2.117–119. Lateinisch-Deutsch. Herausgegeben und übersetztvonHans-Werner Goetz/Karl-Wilhelm Welwei, Altes Germanien. Auszüge aus den antiken Quellen über die Germanen und ihre Beziehungen zum Römischen Reich. Quellen der Alten Geschichte bis zum Jahre 238 n. Chr. Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters I a. Zweiter Teil (Darmstadt 1995). 

Götz Waurick, Römische Helme. In: Antike Helme. Sammlung Lipperheide und andere Bestände des Antikenmuseums Berlin. Monographien des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 14 (Mainz 1988) 327–364.

Helm aus grünlicher Bronze, der einst einem römischen Legionär gehörte.

© LWL/Stefan Brentführer

Video: Nie getragen: Zwei Legionärshelme aus dem Römerlager von Haltern

In Haltern wurde nicht nur dieser Legionärshelm gefunden, sondern auch zwei weitere. Über diese besonderen Funde haben wir einen Film gedreht.