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004 Speerspitze

Was Fischspeere über Bienen verraten – ein Klebstoff aus der späten Altsteinzeit

© LWL/Stefan Brentführer

Widerhakenspitze mit Resten eines Schäftungsklebers

Fundort

Seseke bei Bergkamen-Oberaden

Kreis Unna


Fundumstände

Kontext: Einzelfund

Datum: 1930er-Jahre


Objekt

Material: (Elch-?) Knochen

Länge: 25,3 cm

Breite: max. 1,6 cm

Höhe: max. 0,9 cm


Datierung 

11.000 v. Chr. (14C-Datierung)

Epoche: Spätpaläolithikum

Kultur: Federmessergruppen

Was Fischspeere über Bienen verraten – ein Klebstoff aus der späten Altsteinzeit

Nicht nur der Boden, sondern auch unsere Archive und Museen beherbergen ungeahnte Raritäten. Manches Ausstellungsstück wird in seiner Bedeutung selbst von Archäologen unterschätzt, da manchmal nur modernste naturwissenschaftliche Analysemethoden diese Funde »zum Sprechen« bringen. So wusste auch das Gustav-Lübcke-Museum in Hamm nicht, welch besonderer Schatz seit über 80 Jahren unter seinem Dach lag.

Die perfekt erhaltene Widerhakenspitze aus Knochen war in den 1930er-Jahren bei der Begradigung der Seseke bei Bergkamen-Oberaden zufällig aufgelesen worden. Aus welcher Zeit diese schlanke, recht lange Projektilspitze stammt, war mit herkömmlichen archäologischen Methoden nicht eindeutig zu bestimmen. Erst eine Radiokarbondatierung offenbarte das unerwartet hohe Alter von 13.000 Jahren. Damals, gegen Ende der letzten Eiszeit, war unsere Landschaft von Birken- und Kiefernwäldern geprägt, in denen Auerochse, Elch, Rothirsch, Reh und Biber lebten, in lichteren Bereichen aber auch noch das Pferd graste. Die Widerhakenspitze wurde wahrscheinlich aus dem Mittelfußknochen eines Elches gefertigt.

Die genaue Inspektion des Stückes offenbarte eine weitere Überraschung: Auf der Knochenoberfläche und in den Kerben und Rillen der Basis sind Reste einer schwarzen Substanz erhalten. Bei dieser Masse handelt es sich um Rückstände eines Klebers. Demnach ist das Stück nicht wie gedacht eine Harpunenspitze, die nur locker mit dem Speer verbunden wird und sich bei einem Treffer lösen soll, sondern eine fest an einem Holzschaft fixierte Fischspeerspitze.

Der gängige »Universalkleber« der Steinzeit war das Birkenpech, das bereits der Neandertaler vor über 200.000 Jahren kannte. Dennoch sollten naturwissenschaftliche Analysen für unser Stück Sicherheit über die Zusammensetzung der Masse bringen. Diese Untersuchung führte Frank Mucha von der Fachhochschule Erfurt durch, der jedoch ein völlig unerwartetes Ergebnis präsentierte: Die schwarze Substanz besteht keineswegs aus Birkenpech, sondern aus einem Gemisch aus zerriebener Holzkohle und vor allem Bienenwachs.

Dies ist der aktuell älteste Nachweis dafür, dass Menschen in Mitteleuropa Bienen nutzen – und zwar in der Altsteinzeit und damit viel früher als angenommen. Bisher ging man davon aus, dass die Honigbiene erst nach dem Ende der letzten Eiszeit ab ca. 9600 v. Chr. nach Mitteleuropa zurückkehrte. Bienenwachs als Bestandteil von Klebemitteln ist in Europa bislang nur an einem mittelsteinzeitlichen Objekt aus Russland nachgewiesen. Nun gehört der älteste Nachweis in die späte Altsteinzeit Westfalens.

Michael Baales, Susanne Birker

Museum

Gustav-Lübcke-Museum, Hamm

Weiterführende oder zitierte Literatur

Michael Baales/Susanne Birker, Bienenwachs als Klebstoff der späten Altsteinzeit in Westfalen. In: Matthias Wemhoff/Michael M. Rind (Hrsg.), Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland. Ausstellungskatalog Berlin (Petersberg 2018) 402.

Michael Baales/Susanne Birker, Bergkamen-Oberaden – mit Bienenwachs auf Fischfang. Archäologie in Westfalen-Lippe 2017, 2018, 31–34.

Michael Baales/Susanne Birker/Frank Mucha, Hafting with beeswax in the Final Palaeolithic: a Barbed Point from Bergkamen. Antiquity 91, 2017, 1155–1170.

Michael Baales/Hans-Otto Pollmann/Bernhard Stapel, Westfalen in der Alt- und Mittelsteinzeit (Darmstadt 2013).