check-circle Created with Sketch.

026 Rasiermesser

Perfekt getrimmt! Haarscharfe Bartpflege

© LWL/Stefan Brentführer

Zweischneidiges Rasiermesser

Fundort

Ahaus-Ammeln

Kreis Borken

 

Fundumstände

Kontext: Urnengräberfeld

Datum: vor 1855

 

Objekt

Material: Bronze

Länge: 13,1 cm

Griffbreite: 2,4 cm

 

Datierung 

1000 v. Chr. 

Epoche: Späte Bronzezeit

 

Import

Herstellungsregion: Süddeutschland

Herstellungszeit: 1000 v. Chr.

 

Perfekt getrimmt! Haarscharfe Bartpflege

Gefunden wurde es wahrscheinlich um 1840 – damit dürfte es das Artefakt in unserem Band sein, das am frühesten entdeckt wurde. Die Archäologie als Wissenschaft steckte in dieser Zeit noch in den Kinderschuhen und so konnten die damaligen Ausgräber über die Bedeutung und Funktion des Gegenstandes nur spekulieren. Vikar Engelbert Hüsing schrieb in einer Fußnote: »... auf einer langen, schmalen Reihe verscharrter Gebeine [lag] eine schöne Rarität, wahrscheinlich eine Schmucksache aus Erz. Andere halten sie für ein Fähnchen.« Erst rund 100 Jahre und etliche Neufunde später setzte sich in der Forschung die Erkenntnis durch, dass es sich bei diesen in ganz Europa verbreiteten Objekten um zweischneidige Rasiermesser handelt. 

Hinweise auf ihre Verwendung für die Bart- und Haarpflege lieferten menschliche Haarreste, die einigen Rasiermessern aus Gräbern anhafteten. Den endgültigen Beweis brachte jedoch erst das archäologische Experiment: Die männlichen Probanden stellten zwar fest, dass die Handhabung von nordischen einschneidigen Rasiermessern (→ Nr. 027)leichter ist, aber auch mit den zweischneidigen Exemplaren ließ sich eine vollständige Bartrasur bewerkstelligen. 

Das Stück mit fast kreisrundem Schneidenteil und lanzettförmigem Griff mit Innenverstrebung und Ringöse war in einer zweiteiligen Form gegossen worden, die aller Wahrscheinlichkeit nach aus Stein gearbeitet war. Einige solcher Gussformen für vergleichbare Rasiermesser wurden im östlichen Mitteleuropa entdeckt. Sie zeigen, dass es möglich war, sogar papierdünne Bronzeobjekte herzustellen. Diese Tatsache ist natürlich für Rasiermesser von entscheidender Bedeutung, schließlich schneidet nur eine dünne und scharfe Klinge Barthaare einwandfrei! Das Nachschärfen der Schneiden erfolgte dann entweder durch Dengeln oder mit einem Schleifstein – beide Methoden sind auch archäologisch belegt. 

Bronzene Rasiermesser treten in Europa mit dem Beginn der Mittelbronzezeit auf, in Westfalen sind sie jedoch erst in der Spätbronzezeit zu finden. Es handelt sich zunächst nur um zweischneidige Exemplare, die aus dem Gebiet der süddeutschen Urnenfelderkultur importiert bzw. diesen Stücken nachempfunden wurden. Im Verlauf der späten Bronzezeit werden sie hier und in den umliegenden Gegenden von den einschneidigen nordischen Messern abgelöst, die in Westfalen weitaus häufiger vorkommen.

Gefunden werden die Rasiermesser zwischen Weser und Rhein fast überwiegend als Beigaben in Brandbestattungen. Anthropologische Untersuchungen des Leichenbrands ergaben, dass es sich vor allem um Männergräber handelt. Die Herren legten offenbar bereits in der Bronzezeit Wert auf ein gepflegtes Äußeres.

Birgit Mecke

Weiterführende oder zitierte Literatur

Hans Aschemeyer, Die Gräber der jüngeren Bronzezeit im westlichen Westfalen. Bodenaltertümer Westfalens 9 (Münster 1966) 6 und Tafel 34,8.

Daniel Bérenger, Nachgeahmt: Jungbronzezeitliche Rasiermesser aus Westfalen. In: Daniel Bérenger/Christoph Grünewald (Hrsg.), Westfalen in der Bronzezeit (Münster 2008) 98.

Engelbert Hüsing, Westfälisch-Münsterländische Heidengräber Coesfeld 1855 (Übersetzung von: J. H. Nünningh, Sepulcretum Westphalico-Mimigardico-gentile... [Coesfeld 1713]).

Albrecht Jockenhövel, Die Rasiermesser in Westeuropa. Prähistorische Bronzefunde, Abt. VIII, Band 3 (München 1980).

Birgit Mecke, Ein Rasiermesser der Spätbronzezeit aus Westerkappeln »Im Paradies/Brennesch«. Archäologie in Westfalen-Lippe 2009, 2010, 31–34.

Klaus Ludwig Voss, Die Vor- und Frühgeschichte des Kreises Ahaus. Bodenaltertümer Westfalens 10 (Münster 1967).