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009 Setzkeil

Glücksbringer einer steinzeitlichen Großfamilie?

© LWL/Stefan Brentführer

Setzkeil

Fundort

Bad Sassendorf, Landerpfad

Kreis Soest


Fundumstände

Kontext: Siedlungsgrube

Datum: 2014


Objekt

Material: Amphibolit / Aktinolith-Hornblendeschiefer

Länge: 30,8 cm

Breite: max. 5,5 cm

Höhe: max. 4,1 cm

Durchmesser Schaftloch: max. 2,5 cm

Gewicht: 1,272 kg


Datierung 

ca. 4700 v. Chr.

Epoche: Mittelneolithikum

Kultur: Rössener Kultur


Import

Herstellungsregion: vermutlich Isergebirge, Nordböhmen (Tschechien)

Glücksbringer einer steinzeitlichen Großfamilie?

Wasser, fruchtbarer Boden und ergiebige Weidegründe – die Suche danach führte die frühen Bauern seit ca. 5300 v. Chr. in die westfälische Hellwegzone und die Warburger Börde mit ihren fruchtbaren Lössböden. Erst ihre Nachfolger – die Menschen der Rössener Kultur – wagten sich Jahrhunderte später auch zunehmend in die Mittelgebirge. Dass die alten Siedlungsräume aber nicht an Attraktivität verloren, zeigt sich in Bad Sassendorf, einem der bedeutendsten jungsteinzeitlichen Siedlungsplätze Westfalens mitten in der Hellwegbörde.

500 Jahre nachdem »Landerpfad« zum allerersten Mal ein Neubaugebiet war, bauten hier die Menschen der Rössener Kultur um 4700 v. Chr. ihre charakteristischen riesigen Bauten mit schiffs- oder trapezförmigem Grundriss. Eines der Häuser war 38 m lang und 9,5 m breit – hier lebten vielleicht mehrere Familien unter einem Dach. So wie aktuell die neuen Bauherren am Landerpfad den Baufortschritt mit Grundsteinlegung und Richtfest begleiten, so wollten vielleicht auch schon die steinzeitlichen Leute ihrem Glück im neuen Heim etwas auf die Sprünge helfen. In einer Grube innerhalb des großen Hauses lag als einziges Objekt dieses durchlochte, völlig unbeschädigte Steingerät aus Grünschiefer bzw. Amphibolit. Haben wir hier ein »Bauopfer« entdeckt? Mit letzter Sicherheit werden wir es nie wissen.

Ebenso unklar bleibt die ursprüngliche Funktion dieses Gerätes. Viele Beilklingen der Jungsteinzeit wurden aus dem recht harten Amphibolit gefertigt. Die durchbohrten Stücke sind nach archäologischer Definition Axtklingen, konnten aber eigentlich nicht als solche genutzt werden. Würde man das Stück aus Bad Sassendorf geschäftet als eine Axt einsetzen wollen, so ließe sich kaum ein guter Schlag führen. Daher hat sich eine andere Idee für die Funktion dieser Objekte durchgesetzt: Sie waren wohl Setzkeile zum Aufspalten von Holz. Durch Schläge auf den Nacken ließ sich der Keil tief in das Holz treiben. Auf vielen Stücken finden sich entsprechende Spuren – aber nicht auf unserem. Dieses Exemplar zeigt keine Schlagnarben und auch die Schneide ist völlig unbeschädigt. Die langen, seitlichen Rillen entstanden beim Zusägen des Rohlings. Ansonsten ist das Stück glatt geschliffen und wirkt wie poliert. Dass es so aufwendig bearbeitet und völlig unbeschädigt in die Erde kam, spricht nachhaltig für ein Bauopfer.

Wie bei vielen Steingeräten legte auch der Amphibolit für den Setzkeil einen weiten Weg zurück. Er kommt im mitteleuropäischen Mittelgebirgsraum vor, doch spielte im älteren Neolithikum das Vorkommen im südpolnisch-tschechischen Isergebirge oder vielleicht noch das im Fichtelgebirge die wichtigste Rolle. Die Distanz zum Herkunftsort liegt also bei etwa 500 km Luftlinie!

Michael Baales

Archiv

Zentrales Fundarchiv der LWL-Archäologie für Westfalen, Münster (nicht öffentlich zugänglich)

Weiterführende oder zitierte Literatur

Nicole Kegler-Graiewski, Beile – Äxte – Mahlsteine. Zur Rohmaterialversorgung im Jung- und Spätneolithikum Nordhessens (Dissertation Universität zu Köln 2007) 126–129. https://kups.ub.uni-koeln.de/2160/1/Dissertation_Kegler-Graiewski.pdf.

Franz Kempken/Stefan Ciesielski, Großgrabung in einer früh- bis mittelneolithischen Siedlung in Bad Sassendorf. Archäologie in Westfalen-Lippe 2014, 2015, 43–46.

Franz Kempken u. a., Von Emmer, Grabenwerken und Zäunen: Erste Bauern am westfälischen Hellweg. Archäologie in Deutschland 3/2015, 8–13.

Peter Schönfeld/Ines Jöns, Neue Ausgrabungen am jungstein- und eisenzeitlichen Siedlungsplatz in Bad Sassendorf. Archäologie in Westfalen-Lippe 2015, 2016, 38–41.

Peter Schönfeld/Ines Jöns, Die früh- und mittelneolithische Siedlung von Bad Sassendorf-Lohne (Kr. Soest). In: B. Stapel u. a., Westfalen in der Jungsteinzeit (Darmstadt, im Druck).