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025 Zylinderhalsbecher

Von Dürre vertrieben – »Klimaflüchtlinge« in der späten Bronzezeit?

Zylinderhalsbecher

Fundort

Unna-Uelzen

Kreis Unna


Fundumstände

Kontext: Siedlungsfund

Datum: 2015


Objekt

Material: Keramik, Knochen

Höhe: 10,5 cm

Durchmesser: max. 13,5 cm


Datierung 

ca. 1050–950 v. Chr.

Epoche: Späte Bronzezeit

Kultur: Urnenfelderkultur

Von Dürre vertrieben – »Klimaflüchtlinge« in der späten Bronzezeit?

Während der Bronzezeit gab es einen drastischen Klimawandel: In ihrem letzten Abschnitt wurde es in ganz Europa erheblich trockener, was vermutlich an einigen katastrophalen Vulkanausbrüchen lag, die verheerender waren als alles, was wir aus den letzten Jahrhunderten kennen. In manchen Gebieten kam es deshalb zu Hungersnöten und Epidemien. 

Um bessere Lebensbedingungen zu finden, wanderten in der späten Bronzezeit viele Menschen in Gebiete ab, in denen noch ausreichend Regen fiel – hierzu gehörten offenbar auch Westfalen und der benachbarte Niederrhein. In diesen zuvor nur sehr dünn besiedelten Regionen vervielfachte sich die Bevölkerungszahl, wie archäologische und naturwissenschaftliche Untersuchungen belegen. Anscheinend haben sich hier auch Zuwanderer meist familienweise neue Lebensräume gesucht. In der Hellwegzone gibt es Gräberfelder aus dieser Zeit, in denen Hunderte von Menschen bestattet wurden. Bei praktisch jedem dieser Gräberfelder lassen die Funde und Befunde kulturelle Einflüsse aus verschiedenen Himmelsrichtungen erkennen. In Unna und an anderen Fundorten wird deutlich, dass einige Menschen aus südlicheren Teilen Mitteleuropas, aus der sogenannten Urnenfelderkultur, eingewandert sind. Die Zuwanderer bildeten zunächst lokale Gemeinschaften, aber im Laufe der Zeit verschmolzen die verschiedenen Gruppen mehr und mehr miteinander und mit ihnen auch die verschiedenen kulturellen Einflüsse.

Die Form unseres Gefäßes und seine Verzierungen sind typisch für die Urnenfelderkultur, ebenso die anderen Keramikfunde, die bei der Grabung einer Siedlung in Unna zutage kamen. Sie gleichen Gefäßen, die man sonst am südlichen Niederrhein und im Neuwieder Becken findet. Die Keramik lag zusammen mit den Scherben einiger anderer Gefäße auf engem Raum konzentriert in einer großen Grube. Offenbar hatten die Bewohner der Siedlung die Keramikgefäße als Opfergabe bei einer Zeremonie deponiert.

Das Gefäß ist ungewöhnlich gut erhalten, da seine Qualität erheblich besser war als die der üblichen westfälischen Keramik dieser Zeit. Dadurch blieben auch Reste einer weißen Masse aus gebrannten und pulverisierten Knochen erhalten, mit denen die eingeschnittenen Verzierungen ausgefüllt worden waren. Sie erzeugten einen deutlichen Farbkontrast zur dunklen Keramik. Viele Gefäße dieser Zeit waren ähnlich verziert, aber die weiße Masse ist meistens völlig vergangen.

Da es sich bei den Funden aus Unna um »unverfälschte« Gefäße der Urnenfelderkultur handelt, liegt der Schluss nahe, dass sie erst relativ kurz zuvor eingewanderten Siedlern gehörten. Der starke Einfluss anderer Kulturen im Umfeld hatte sich bei ihnen noch nicht niedergeschlagen.

Stephan Deiters

 

Museum

Zentrales Fundarchiv der LWL-Archäologie für Westfalen, Münster (nicht öffentlich zugänglich)

Weiterführende oder zitierte Literatur

Hans Aschemeyer, Die Gräber der Jüngeren Bronzezeit im westlichen Westfalen. Bodenaltertümer Westfalens 9 (Münster 1966).

Stephan Deiters, Unna-Uelzen – ein Siedlungsplatz der Urnenfelderkultur in der westfälischen Hellwegbörde und seine Stellung innerhalb der Spätbronzezeit Westfalens. Ausgrabungen und Funde in Westfalen-Lippe 14, 2020/2021 (in Bearb.).

Frank Falkenstein, Eine Katastrophen-Theorie zum Beginn der Urnenfelderkultur. In: Cornelia Becker u.a. (Hrsg.), Xpóvoç. Beiträge zur prähistorischen Archäologie zwischen Nord- und Südosteuropa. Festschrift Bernhard Hänsel. Internationale Archäologie – Studia honoraria 1 (Espelkamp 1997) 549–561.

Jutta Meurers-Balke u.a., Landschafts- und Siedlungsgeschichte des Rheinlandes. In: Karl-Heinz Knörzer u.a., Pflanzenspuren. Archäobotanik im Rheinland: Agrarlandschaft und Nutzpflanzen im Wandel der Zeiten. Materialien zur Bodendenkmalpflege im Rheinland 10 (Köln/Bonn 1999) 11–66.

Thomas Ruppel, Die Urnenfelderzeit in der Niederrheinischen Bucht. Rheinische Ausgrabungen 30 (Köln 1990).

© LWL/Stefan Brentführer