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069 Orakelstäbchen

Orakelstäbchen? Medien für die Götter!

© LWL/Stefan Brentführer

Orakelstäbchen

Fundort

Beckum, Kreis Warendorf

Kamen, Kreis Unna

Werl, Kreis Soest


Fundumstände

Kontext: Siedlung, Kultplatz, Grab, Hortfund

Daten: 1861, 1955, 1993, 2011


Objekt

Material: Bronze, Silber, Knochen

Länge: 2,5–5,6 cm

Gewicht: 1,3–22,5 g


Datierung 

2.–9. Jahrhundert

Epochen: römische Kaiserzeit bis Mittelalter

Orakelstäbchen? Medien für die Götter!

Schon immer mussten Entscheidungen getroffen und Urteile gefällt werden. Um sich der persönlichen Verantwortung zu entziehen, wurden dafür gern höhere Mächte bemüht. So waren Orakelbefragungen und das Deuten von Zeichen beliebte Praktiken, die schon in antiken und mittelalterlichen Schriftquellen beschrieben werden. Bereits Caesar berichtet 58 v. Chr., bei den Germanen herrsche die Sitte, dass Familienmütter durch Stäbchenwurf und Orakelspruch entschieden, ob und wann ein Kampf stattfinden solle. Und gut 150 Jahre später schreibt Tacitus, dass die Germanen Vorzeichen und Orakel mit größtem Eifer beobachten: »Sie schneiden die Rute eines Obstbaumes in Stäbchen und unterscheiden sie mit bestimmten Zeichen«. Zur Entscheidungsfindung wurden sie sodann geworfen, gezogen und gedeutet.

Mittelalterliche Schriftquellen schildern ebenfalls die Befragung und Deutung markierter Orakelstäbchen. Der so ermittelte »Gottesentscheid« war bindend und nicht diskutierbar! Für einfache Ja/Nein-Entscheidungen dienten zwei Stäbchen, von denen eines markiert war. Sollte jedoch ein Täter identifiziert werden, mussten alle infrage kommenden Beschuldigten ihr persönlich gekennzeichnetes Stäbchen zur Entscheidungsfindung abgeben. In der »Edda«, einer Sammlung altisländischer Götterlieder, wird das Wirken der drei Schicksalsgöttinnen beschrieben. Sie webten das Schicksal und bestimmten mithilfe markierter Holzstäbchen über das Leben der Menschen. Schließlich berichtet die Jomsvikingersaga sogar über Stäbchen aus Silber und Gold, die »mit wundersamer Kraft« bei wichtigen Entscheidungen halfen.

Bilddarstellungen von Orakelstäbchen sind hingegen selten. Sie finden sich bisher nur auf einigen Brakteaten, den aus Edelmetall geprägten magischen Amulettanhängern der Völkerwanderungszeit mit Motiven aus der germanischen Götterwelt. Hier sind Hände zu erkennen, die kleine Stäbchen zu halten oder zu werfen scheinen.

Aus Schrift- und Bildquellen waren sie also schon lange bekannt, nun konnten auch die fehlenden Originale zugeordnet werden. Eine gezielte Suche führte zur Identifizierung von über 200 Exemplaren von Siedlungs- und Kultplätzen des ersten Jahrtausends in Deutschland, den Niederlanden, Dänemark, England und Frankreich. Dazu kommen Stäbchenpaare aus Gräbern und Horten. Erhaltungsbedingt sind Exemplare aus organischem Material sehr selten. Die Mehrheit besteht aus Buntmetall, Blei oder Silber. Größe und Form variieren ebenso wie die eingeprägten Zeichen und Markierungen.

Orakelbefragungen erscheinen uns heute beliebig oder unbedeutend. Das sahen die Menschen damals aber ganz anders: Es ging weder um Zufall noch um Glück oder Pech, sondern um den Willen der Götter.

Elisabeth Dickmann

Weiterführende oder zitierte Literatur

Elisabeth Dickmann, Erin. Archäologie in Castrop-Rauxel. Ausstellungskatalog (Castrop-Rauxel 1997).

Elisabeth Dickmann, Orakelstäbchen. In: Heinrich Beck/Dieter Geuenich/Heiko Steuer (Hrsg.), Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 22 (Berlin 2002) 139–141.

Elisabeth Dickmann, Orakelstäbchen. In: Christoph Stiegemann/Martin Kroker/Wolfgang Walter (Hrsg.), CREDO. Christianisierung Europas im Mittelalter. Ausstellungskatalog Paderborn (Paderborn 2013) 413–414, Kat. Nr. 352.

Jan Peder Lamm u.a., »Der Brakteat des Jahrhunderts« Über den einzigartigen zehnten Brakteat aus Söderby in der Gemeinde Danmark, Uppland (Zur Ikonologie der Goldbrakteaten LVIII). Frühmittelalterliche Studien 34, 2000, 18–67.

Hans-Jürgen Häßler u.a., Ein neues Problemstück der Brakteatenikonographie: Isendorf-B, Landkreis Stade, Niedersachsen (Zur Ikonologie der Goldbrakteaten LVIV). Studien zur Sachsenforschung 10, 1997, 101–175.