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021 Flintdolch

Der Flintdolch von Rhede – eine »Arme-Leute-Version« von Meistern ihres Fachs

© LWL/Stefan Brentführer

Flintdolch

Fundort

Rhede

Kreis Borken


Fundumstände

Kontext: unbekannt

Datum: unbekannt


Objekt

Material: nordischer Flint

Länge: 18,0 cm

Breite: 3,3 cm (am Blatt)

Dicke: 2,3 cm (am Griff)


Datierung 

ca. 2050–1850 v. Chr.

Epoche: Spätneolithikum bis frühe Bronzezeit

Der Flintdolch von Rhede – eine »Arme-Leute-Version« von Meistern ihres Fachs

Wahrlich exotische Produkte waren die ersten Kupferobjekte im jungsteinzeitlichen Mitteleuropa. Sie kamen als Importe aus dem fernen Südosteuropa (→ Nr. 013), denn das Wissen um die Metallverarbeitung und das Schmieden erreichte unseren Raum erst gegen Ende der Jungsteinzeit. Noch etwas länger dauerte es, bis man hier auch Kupfer aus Erz ausschmelzen konnte. Mit dem Metall kamen völlig neue Geräteformen wie lange Messer oder Schwerter auf. Metallgießer und Schmiede waren Spezialisten in ihrem Metier, angesehen und teuer.

Lange Zeit blieb der Besitz von Kupfer- und später von Bronzegegenständen für die meisten Menschen ein unbezahlbarer Wunsch. Deshalb überlegte man schon damals, ob sich nicht irgendwie eine preiswertere Kopie herstellen lässt. Hier bot sich der leicht zu bearbeitende Feuerstein an. Das Material und die handwerklichen Fachkenntnisse waren vorhanden. Dabei konnten sich die Meister der Flintbearbeitung beweisen. Sie mussten ihr ganzes Können und Geschick aufbieten, um dem Dolch seine symmetrische Form zu geben, ein dünnes Klingenblatt auszuarbeiten und den Schneiden durch feine Retuschen ihre Schärfe zu verleihen.

Doch damit war es in diesem Fall nicht getan: Der eigentliche Clou ist die kleine Rippe auf dem Dolchblatt. Bei den metallenen Vorbildern entstand diese Rippe automatisch durch den Guss in einer mehrteiligen Form. Heute kann man solche Gussnähte an industriell gefertigten Flaschen und Gläsern finden. In der Jungsteinzeit und in der Bronzezeit stellten sie ein Merkmal der kostbaren Metallobjekte dar. Bei Gegenständen aus Stein musste dieses Detail jedoch absichtlich herausgearbeitet werden, weshalb es die Feuersteindolche aus Rhede als aufwendige Imitation bronzener Waffen kennzeichnet. Über einen Zeitraum von mehr als 800 Jahren lässt sich die Herstellung von Flintdolchen verfolgen. Dann kamen sie aus der Mode und wurden gänzlich vom jetzt universellen Metall ersetzt.

Selbst diese »Arme-Leute-Version« dürfte ihren Preis gehabt haben. Da Flintdolche über 20 cm lang sein können, brauchte man großes und bergfrisches Rohmaterial von gleichmäßiger Qualität ohne Risse und Einschlüsse. In Westfalen fand sich dieser Rohstoff nur im verlagerten eiszeitlichen Schotter. In Norddeutschland, Dänemark oder dem südlichen Ostseeraum kommt er in Form von großen Knollen oder Platten in Kreideschichten vor. Wenn Feuerstein nicht an der Erdoberfläche aufgesammelt werden konnte, baute man ihn bergmännisch ab, indem man Schächte bis in die flintführenden Kreideschichten schlug. Spuren von derartigem Bergbau finden wir überall in Europa; so groß war schon damals der Hunger nach Rohstoffen.

Hans-Otto Pollmann

Weiterführende oder zitierte Literatur

Ulrich Nahrendorf, Westfalen in Endneolithikum und Früher Bronzezeit. Universitätsforschungen zur Prähistorischen Archäologie 309 (Bonn 2018).

Claudia Siemann, Flintdolche skandinavischen Typs im Rheinland, Westfalen, Hessen und im südlichen Niedersachsen. Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 74, 2005, 85–135.