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071 Schwert

Ein zweischneidiges Schwert für den rechten Glauben

Schwert

Fundort

Dorsten-Lembeck

Kreis Recklinghausen


Fundumstände

Kontext: Grab

Datum: Spätherbst 1974


Objekt

Material: Eisen, Buntmetall, Glas

Länge: 91,7 cm

Breite: 9,4 cm


Datierung 

730–800

Epoche: Frühmittelalter

Herrschergeschlecht: Karolinger


Import

Herstellungsort: vermutlich fränkisches Reich

Herstellungszeit: vermutlich einige Jahrzehnte vor der Grablegung

Ein zweischneidiges Schwert für den rechten Glauben

Ist das Schwert aus Dorsten-Lembeck die Waffe eines heidnischen Sachsenfürsten? Noch vor Kurzem wäre diese Frage mit einem klaren »Ja« beantwortet worden. Mittlerweile sind die Archäologen in ihren Deutungen jedoch etwas vorsichtiger geworden. Wir wissen nämlich nicht, ob sich die im 8. Jahrhundert in Westfalen lebende Bevölkerung überhaupt selbst als ein Teil der frühen Sachsen begriff und ob in Gräbern mit reichen Beigaben in dieser Zeit tatsächlich nur Nichtchristen bestattet worden waren. 

Sicher ist dagegen: Das Schwert stammt aus einem der letzten Waffengräber, die in Westfalen angelegt worden sind. Sicher ist außerdem: Mit seiner aufwendigen Verzierung ist das Schwert kein alltägliches Stück gewesen, sondern gehörte eindeutig zu den frühmittelalterlichen Prunkwaffen. Die eisernen Griffbestandteile sind mit Buntmetalleinlagen in Form geprägter Bleche und einzelner eingelassener Buntmetallröhrchen verziert. Diese Röhrchen dienten als Fassung für Einlagen – vermutlich aus rotem Glas, das damals kaum weniger wertvoll als Edelsteine gewesen sein dürfte. Eine Goldfolie mit geprägtem Waffelmuster unter den durchscheinenden Einlagen brach das Licht und ließ sie noch stärker funkeln. Die Schwerter des 8. Jahrhunderts besitzen recht einheitliche Griffformen und -verzierungen, von denen die Waffe aus Dorsten-Lembeck abweicht. Als Einzelstück dürfte sie noch wertvoller gewesen sein – sicherlich ein Grund für die lange Nutzungszeit, die sich anhand der vor allem am Knauf stark abgeriebenen Buntmetallbleche erschließen lässt.

Der Tote, dem das Prunkschwert ins Grab folgte, war mit höchster Wahrscheinlichkeit ein Zeitgenosse von Karl dem Großen. Damit könnte er zudem ein direkter Zeuge der Sachsenkriege des berühmten Frankenherrschers gewesen sein, die in den Jahren 772 bis 804 ein großes Gebiet von Westfalen im Südwesten bis nach Schleswig-Holstein im Nordosten verheerten. Nach ihrem Ende war der Raum zwischen Rhein und Elbe zu einem Teil des Frankenreiches geworden – und das Christentum verbreitet sich. Die Kirche, die nun überall neue Gotteshäuser errichten ließ, ordnete das Land grundlegend neu. Einer der weitreichendsten Umbrüche in der Geschichte Westfalens vollzog sich; alle Lebensbereiche von der Politik über die Religion bis hinein in den Alltag wurden von den Änderungen erfasst.

Es wird sich nicht mehr herausfinden lassen, ob das Schwert tatsächlich in den Sachsenkriegen zum Einsatz kam und ob es dabei gegen Franken oder Sachsen geführt wurde. Die Folgen der Ereignisse dürften aber nicht nur die Nachfahren des Toten von Dorsten-Lembeck ganz unmittelbar betroffen haben: Nach den Sachsenkriegen ist Westfalen, wie weite Teile Europas, offiziell christianisiert.

Ulrich Lehmann

Weiterführende oder zitierte Literatur

Christoph Grünewald, Archäologie des frühen Mittelalters vom 5. bis zum 9. Jahrhundert in Westfalen – ein Überblick. Archäologie in Ostwestfalen 9, 2005, 71–86.

Anke Hernö, Studien zu frühmittelalterlichen Gräberfeldern im westlichen Westfalen (Bocholt-Lankern, Wulfen-Deuten, Dorsten-Lembeck) (Diss. Westfälische Wilhelms-Universität Münster 2007) <http://miami.uni-muenster.de/servlets/DocumentServlet?id=5275> (03.10.2018).

Ulrich Lehmann, Wurmbunte Klingen. Studien zu Konstruktion, Herstellung und Wertigkeit der frühmittelalterlichen Spatha in Westfalen. Veröffentlichungen der Altertumskommission für Westfalen 21 (Münster 2016).

Matthias Springer, Die Sachsen. Urban-Taschenbücher 598 (Stuttgart 2004).

Hayo Vierck, Ein westfälisches »Adelsgrab« des 8. Jahrhunderts n. Chr. Zum archäologischen Nachweis der frühkarolingischen und altsächsischen Oberschichten. Studien zur Sachsenforschung 2, 1980, 457–488.

Das Schwert in seiner ganzen Länge. © LWL/Stefan Brentführer.