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081 Granatring

Ringlein, Ringlein an der Hand, wer ist die Treueste im ganzen Land?

© LWL/Stefan Brentführer

Fingerring

Fundort

Dortmund-Hörde, Hörder Burg

Kreisfreie Stadt Dortmund


Fundumstände

Kontext: Burg

Datum: 27. Februar 2008


Objekt

Material: Gold, Granat

Ringweite: 1,4 cm

Steinlänge: 0,7 cm


Datierung 

13. Jahrhundert

Epoche: Spätmittelalter

Stilepoche: Gotik

Ringlein, Ringlein an der Hand, wer ist die Treueste im ganzen Land?

»Sah sie ein kleines Ringlein tragen,

Dem sie im Leid nicht mocht entsagen;

Sie behielts nach treuer Minne Rath,

Das Steinlein war ein Granat«

(Wolfram von Eschenbach, Parzival, P. 438, V. 3–6)

 

Im Epos »Parzival« erzählt Wolfram von Eschenbach in einer Episode, wie der Titelheld auf eine Frau namens Sigune trifft, die sich in eine abgelegene Klause zurückgezogen hat. Parzival bezweifelt zunächst, dass sie in Armut lebt, hatte er doch einen kostbaren Ring an ihrer Hand bemerkt. Darauf angesprochen erwidert Sigune, dass sie diesen in Trauer um ihren verstorbenen Verlobten trage, sonst aber allem Weltlichen abgeschworen habe.

An diese Anekdote mussten die Dortmunder Stadtarchäologen denken, als sie im Graben der Hörder Burg einen mit Granat besetzten Goldring fanden. Auch er wurde für eine Frauenhand gefertigt und gehört in die gleiche Zeit, in der die mittelhochdeutsche Erzählung entstand, in das 13. Jahrhundert. Mit dem Ring aus dem Epos verbindet unser Stück ein besonderes Detail: Den Reif ziert ein Rautenmuster und an drei Stellen jeweils zwei sich umfassende Hände. Seit dem 12. Jahrhundert tritt dieses Motiv der »Handtreue«, der niederdeutschen »hanttruwe«, verstärkt auf Ringen, Schnallen und Broschen auf. Es gilt als Zeichen einer versprochenen Heirat. Der goldene Ring von der Hörder Burg war also vermutlich ein Verlobungs- oder Ehering. Wolfram von Eschenbach mag ein ganz ähnliches Schmuckstück vor Augen gehabt haben, als er die oben zitierten Verse über Sigunes Ring dichtete.

Das Parzival-Epos entführt uns in die Welt der Ritter und Burgen, der Minne und des Abenteuers. Man stellt sich die darin beschriebene Gralsburg als mächtige Festung vor, die auf einem Berg das Land überragte. Die Hörder Burg entsprach allerdings keineswegs diesem Klischee. Sie wurde im 12. Jahrhundert in einer sumpfigen Niederung errichtet, deren unwegsames Gelände als Annäherungshindernis ausreichte. Doch man schüttete für die Burg einen künstlichen Hügel auf und baute darauf hohe, weithin sichtbare Gebäude, die zeigten, wo im Land die Macht lag. Selbstverständlich entsprach das Leben der Burgbewohner nicht dem der Ritter und Jungfrauen aus dem Epos. Mittelalterliche Burgen waren dicht bebaute Zentren. Ihre Bewohner verwalteten, bewirtschafteten und verteidigten von dort aus das Umland. Auch Handwerk wurde hier ausgeübt und es kann gut sein, dass der Hörder Ring vor Ort angefertigt wurde. An einem Tierknochen konnten Vergoldungsspuren festgestellt und damit die Anwesenheit eines Goldschmiedes belegt werden. Warum der Ring allerdings im Burggraben landete, bleibt ein Geheimnis. Ging er einfach verloren oder wurde er im Zorn und aus Enttäuschung weggeworfen?

Henriette Brink-Kloke, Dieter Lammers

Museum

Kindermuseum Adlerturm, Dortmund

Weiterführende oder zitierte Literatur

Wolfram von Eschenbach, Parzival, ca. 1200–1210, hier zitiert in hochdeutscher Übersetzung von Karl Simrock 1883 (09.09.2018); mittelhochdeutsch in der Bibliotheca Augustana, nach Karl Lachmann 1891 (09.09.2018).

Henriette Brink-Kloke/Dieter Lammers, Die Burgenlandschaft Dortmunds mit besonderem Fokus auf die Hörder Burg. In: LWL-Museum für Archäologie (Hrsg.), Ritter, Burgen und Intrigen. Aufruhr 1225! Das Mittelalter an Rhein und Ruhr. Ausstellungskatalog Herne (Mainz 2010) 185–194.

Dieter Lammers, Ausgrabungen in der Burg Hörde in Dortmund. In: Thomas Otten u.a. (Hrsg.), Fundgeschichten – Archäologie in Nordrhein-Westfalen. Ausstellungskatalog Köln, Herne. Schriften zur Bodendenkmalpflege in Nordrhein-Westfalen 9 (Mainz 2010) 283–285.