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097 Fersenpfeife

Die neue Welt ist da: blauer Dunst im Schloss

© LWL/Stefan Brentführer

Fersenpfeife

Fundort

Gelsenkirchen, Schloss Horst

Kreisfreie Stadt Gelsenkirchen


Fundumstände

Kontext: Schloss

Datum: 6. April 1990


Objekt

Material: Pfeifenton

Länge: 31,3 cm

Höhe: 2,7 cm (Kopf)

Durchmesser: Stiel 0,6–1,1 cm, Kopf 1,8 cm, Öffnung 1,3 cm


Datierung 

1635–1660

Epoche: Neuzeit

Stilepoche: Barock


Import

Herstellungsort: Amsterdam (?)

Herstellungszeit: ca. 1635–1660

Die neue Welt ist da: blauer Dunst im Schloss

Rauchen ist gesund! Der Genuss von Tabak hält die Menschen vital und schützt vor zahlreichen gefährlichen Krankheiten. Diese Aussage hätten viele Mediziner im 17. Jahrhundert ohne mit der Wimper zu zucken unterschrieben. Ähnlich wie bei anderen damals noch exotischen Genussmitteln, wie Kaffee oder Kakao, wurden auch dem Tabak wahre Wunderkräfte zugeschrieben.

Angefangen hatte es mit Seeleuten, die bei Fahrten nach Amerika die Pflanze und deren Gebrauch durch die Einheimischen kennenlernten. Insbesondere über England und Spanien fand das Gewächs bald den Weg in die botanischen Gärten, während in den Kolonien der Anbau in Fahrt kam. Im deutschsprachigen Raum war der Konsum von Tabak noch lange Zeit fremd, es gab nicht einmal ein Wort dafür: Das »Tabaktrinken« erregte noch gegen Ende des 16. Jahrhunderts Aufsehen. Die Gerätschaften waren denen der amerikanischen Ureinwohner nachempfunden: Aus feinem weißem Ton wurden Pfeifen gefertigt. Der Rohstoff wurde dann nach seiner typischen Verwendung als Pfeifenton bezeichnet. Als immer mehr Anbaugebiete vor allem in den heutigen USA und dann auch in Europa erschlossen wurden, fiel der Preis für den Tabak deutlich. Die zunächst sehr kleinen Pfeifenköpfe wurden größer. Das Rauchen fand Verbreitung in allen sozialen Schichten und Tonpfeifen wurden zur Massenware, die man an zahlreichen Orten, auch in Westfalen und im Rheinland, herstellte.

Schon sehr früh gab es Pfeifen unterschiedlicher Qualitäten, mit teuren Exemplaren konnte man seine tatsächliche oder beanspruchte gesellschaftliche Stellung entsprechend unterstreichen. Die hochwertigsten Produkte stammten aus den größten Produktionszentren in den Niederlanden, zunächst aus Amsterdam, dann aus Gouda. Als Zeichen der Qualität wurden die Pfeifen mit Stempeln und Schriftzügen versehen, die allerdings in Zeiten ohne wirksamen Markenschutz von anderen Werkstätten kopiert wurden.

Bei den Grabungen im Schloss Horst in Gelsenkirchen fanden sich hunderte Fragmente von Tonpfeifen des 17. bis 20. Jahrhunderts. Das einzige vollständige Stück gehört zu den frühen Exemplaren, vielleicht noch aus dem zweiten Viertel des 17. Jahrhunderts. Der gut 30 cm lange Stiel ist mit zwei Rauten mit jeweils vier doppelten Lilien gestempelt, auf der Unterseite der Ferse verweist die Marke »IM« auf den Hersteller, wohl Jan Muur aus Amsterdam.

Auch ohne die Pfeifenreste wäre das Rauchen auf Schloss Horst nicht verborgen geblieben: Auf dem zugehörigen Friedhof wurde ein Schädel geborgen, bei dem die Zähne durch den eingeklemmten Pfeifenstiel so stark abgeschliffen waren, dass die Person eine Pfeife bei geschlossenem Kiefer im Mund halten konnte. Klingt irgendwie ungesund ...

Stefan Leenen

Weiterführende oder zitierte Literatur

Stefan Leenen, Die Tonpfeifen von Schloss Horst. In: Carl Heinrich Lueg/Stefan Leenen, Forschungen zu Haus Horst in Gelsenkirchen. Rechnungsbücher und Tonpfeifen. Denkmalpflege und Forschung in Westfalen Lippe 49.5 (Münster 2014) 270–341.