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099 Häftlingsmarken

Hinter jeder Nummer ein Einzelschicksal …

Häftlingsmarken

Fundort

Witten-Annen, KZ-Außenlager Annener Gußstahlwerk

Ennepe-Ruhr-Kreis


Fundumstände

Kontext: Konzentrationslager

Datum: 1990/1991


Objekt

Material: Metalllegierung

Durchmesser: ca. 3,1 cm

Gewicht: 6–8 g


Datierung 

1944

Epoche: Moderne

Hinter jeder Nummer ein Einzelschicksal …

Die Metallmarken mit Nummer und Lochung sind Häftlingsmarken des KZ-Außenlagers Witten-Annen, das von September 1944 bis März/April 1945 bestanden hat. Bei der Ankunft in Annen erhielt jeder der 750 Neuankömmlinge aus dem Konzentrationslager Buchenwald eine dieser Marken. Sie musste an der Kleidung angebracht oder um den Hals getragen werden und ersetzte den Namen der hierher deportierten Menschen, die wegen ihrer anti-nationalsozialistischen Haltung inhaftiert worden waren. Wie kein anderes Relikt stehen diese Marken für die entwürdigende Entpersonalisierung, Entrechtung und Entmenschlichung der Häftlinge, die Zwangsarbeit im »Annener Gußstahlwerk« leisten mussten.

Das Lager in Annen wurde errichtet, da mit zunehmender Dauer des Krieges der Mangel an Arbeitskräften in der auf Hochtouren laufenden deutschen Rüstungsindustrie immer größer wurde. Das hier ansässige Werk der Ruhrstahl AG war führend in der Stahlgussproduktion und unabdingbar zur Herstellung von Jagdflugzeugen. So existierte bereits seit 1942 ein Lager für russische, später auch italienische Kriegsgefangene, die im Gussstahlwerk eingesetzt wurden. 1944 kamen auf Initiative der »Reichsvereinigung Eisen« KZ-Häftlinge nach Witten-Annen. Sie wurden im östlichen Lagerbereich untergebracht und hatten in zwei Wechselschichten von je 12 Stunden unter schikanierender Bewachung der SS zu arbeiten. Eine katastrophale Verpflegung, mangelnde ärztliche Versorgung und drakonische Strafen führten zu mindestens 30 Todesfällen bei Personen, deren Durchschnittsalter unter 30 Jahren lag.

Es war nicht das Unrechtsbewusstsein der Zeitgenossen, dass das Lager, von dem nur noch Reste des doppelten Stacheldrahtzaunes überdauert hatten, in Erinnerung brachte. Es war eine Schulklasse aus Witten, die 1984 den Standort recherchierte und dem kollektiven Erinnern wirkungsvoll nachhalf. Eine archäologische Untersuchung der LWL-Archäologie schloss sich 1990/1991 an – die erste KZ-Grabung in Deutschland überhaupt. Aus dem Feuerlöschteich des Lagers traten außer Essgeschirr und anderen Alltagsgegenständen eben auch jene Häftlingsmarken zutage, die eindeutig der Nutzung des Geländes als KZ zugewiesen werden konnten. Sie untermauern die Erkenntnis, dass selbst für die Geschichte des 20. Jahrhunderts Archäologie Aufschlüsse geben kann, die keine noch so reiche schriftliche Überlieferung bietet. Es gelten die Worte der damaligen Landesarchäologin Gabriele Isenberg: »… die Konfrontation mit einem Originalzeugnis greift unmittelbarer an, weil die Vorstellungskraft weniger strapaziert werden muß«. Selbst die unscheinbaren Häftlingsmarken lösen bei uns direkt eine persönliche Betroffenheit aus.

Cornelia Kneppe, Thomas Poggel

Museum

LWL-Museum für Archäologie, Herne

Stadt Witten (nicht öffentlich zugänglich)

Weiterführende oder zitierte Literatur

Manfred Grieger, Das Außenlager »AGW«. KZ-Häftlinge im »Annener Gußstahlwerk« in Witten. In: Jan Erik Schulte (Hrsg.), Konzentrationslager im Rheinland und in Westfalen 1933–1945. Zentrale Steuerung und regionale Initiative (Paderborn 2005) 205–214.

Manfred Grieger/Klaus Völkel, Das Außenlager »Annener Gußstahlwerk« (AGW) des Konzentrationslagers Buchenwald September 1944–April 1945 (Witten 1997).

Ralph Klein, Das KZ-Außenlager in Witten-Annen. Geschichte, städtebauliche Nutzung und geschichtspolitischer Umgang seit 1945 (Berlin 2015).

Gabriele Isenberg, Zu den Ausgrabungen im Konzentrationslager Witten-Annen. Ausgrabungen und Funde. Nachrichtenblatt der Landesarchäologie 40/1, 1995, 33–37.

Thomas Poggel, Die Ausgrabungen im KZ-Außenlager Witten-Annen 1990/91, Ennepe-Ruhr-Kreis. Ausgrabungen und Funde in Westfalen-Lippe 15, 2020/2021 (in Bearb.).

Claudia Theune, Archäologie an Tatorten des 20. Jahrhunderts 2(Darmstadt 2016).

© LWL/Stefan Brentführer