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049 Skelettkelch

Gedenke des Todes! Ein jegliches hat seine Zeit

© LWL/Stefan Brentführer

Terra-Sigillata-Kelch

Fundort

Haltern am See

Kreis Recklinghausen


Fundumstände

Kontext: Römisches Hauptlager, Grube

Datum: 1956


Objekt

Material: Keramik

Höhe: 14,5 cm

Durchmesser: 18,2 cm


Datierung 

um Chr. Geb.

Epoche: Frühe römische Kaiserzeit

Kultur: Römisch


Import

Herstellungsregion: Arezzo oder Pisa (Italien)

Herstellungszeit: um Chr. Geb.

Gedenke des Todes! Ein jegliches hat seine Zeit

»Ach wir Armen! Wie ist doch das ganze Menschlein ein Nichts! So werden wir alle sein, wenn uns der Orcus verschlungen hat. Also wollen wir das Leben genießen, solange es uns vergönnt ist, es uns gut ergehen zu lassen!«

(Petronius Arbiter, Satyricon, Petron.34,10)

 

Diesen Toast lässt der römische Autor Petronius seinen Titelhelden im »Gastmahl des Trimalchio« aussprechen. Dieser versucht, seine Gäste mit außergewöhnlichen Speisen und geschmacklosen Darbietungen zu schockieren, indem der Emporkömmling beispielsweise ein menschliches Skelett aus Silber auf den Tisch werfen lässt.

Skelette als Motiv der Vergänglichkeit tauchen in römischem Kontext häufig auf, auf Wandmalereien, Mosaiken und Silbergefäßen – und auch auf einem Terra-Sigillata-Kelch aus dem römischen Hauptlager von Haltern. Terra Sigillata ist die moderne Bezeichnung des luxuriösen römischen Tafelgeschirrs aus Keramik, das gegen Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr. in Werkstätten in Italien entwickelt wurde. Der Stempel auf der Innenseite des Kelches mit den Buchstaben ATEI verrät, wer den Kelch hergestellt hat: Cn. Ateius, ein Töpfer, der in Arezzo und Pisa seine Werkstätten hatte.

Das Militär dürfte als Abnehmer dieser Luxuswaren eine bedeutende Rolle gespielt haben, eine große Menge scheint regelrecht für den Absatzmarkt in den römischen Lagern an Rhein und Lippe produziert worden zu sein. Der Weg nach Germanien lässt sich gut anhand der Fundverteilung nachvollziehen. Über das Mittelmeer und die Rhône gelangte das Geschirr mit Schiffen bis nach Lyon. Von diesem Verkehrsknotenpunkt in Gallien ging die Fahrt weiter auf Wagen bis nach Trier und von dort über die Flusswege bis ins entfernte Germanien nach Haltern. Ob ein Händler den ganzen Transport allein organisierte oder ob es Zwischenhändler gab, ist bislang unklar. Die Terra Sigillata war dabei vermutlich Beifracht großer Lieferungen von Waffen, Kleidung und Nahrungsmitteln, wie Wein, Öl und Gewürzsoßen.

Scherben von ca. 150 solcher Terra-Sigillata-Kelche mit Reliefverzierung haben Archäologen in Haltern gefunden, weniger als ein Dutzend davon ließen sich zu vollständigen Gefäßen ergänzen. Auch wenn die ursprüngliche Menge doppelt so groß gewesen sein mag, ist dies bei ca. 5000 dort stationierten Legionären nicht viel. Die Verteilung der Gefäße im Hauptlager Haltern lässt keine sicheren Schlüsse über die ehemaligen Besitzer zu. Sowohl bei Mannschaftsbarracken als auch bei Wohngebäuden höherer Offiziere hat man Scherben von reliefverzierter Terra Sigillata gefunden. Die Memento-mori-Symbolik dieses Kelches ist dabei einzigartig. Aber wohin hätte sie besser gepasst als in ein römisches Militärlager im fernen Germanien, in dem die aus dem Kelch Trinkenden sicher dem Tod näher waren als anderswo.

Josef Mühlenbrock

Museum

LWL-Römermuseum, Haltern am See

Weiterführende oder zitierte Literatur

Petronius Arbiter, Satyricon – Cena Trimalchionis, 2. bis 3. Jahrhundert; zitiert in deutscher Übersetzung von Karl-Wilhelm Weeber (Hrsg.), Petron. Cena Trimalchionis – Das Gastmahl des Trimalchio, Lateinisch/Deutsch (Stuttgart 2016).

François Baratte, Le trésor d’orfèvrerie romaine de Boscoreale (Paris 1986) bes. 65f. mit älterer Literatur.

Bernhard Paul Martin Rudnick, Die verzierte Arretina aus Oberaden und Haltern. Bodenaltertümer Westfalens 31 (Mainz 1995) bes. 171–172.

Siegmar von Schnurbein, Die unverzierte Terra Sigillata aus Haltern. Bodenaltertümer Westfalens 19 (Münster 1982) Taf. 86.

Gesamtansicht des Terra-Sigillata-Kelches. © LWL/Stefan Brentführer