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074 Schalltöpfe

Da steckt Musik drin – Schalltöpfe für den perfekten Klang

Tongefäße

Fundort

Meschede, Stiftskirche St. Walburga

Hochsauerlandkreis


Fundumstände

Kontext: Kirche

Funddatum: 1880, 1965–2004


Objekt

Material: Irdenware

Maße: stark differenziert


Datierung 

897–913 (Dendrodatierung)

Epoche: Frühmittelalter

Herrschergeschlecht: späte Karolinger


Import

Herstellungsort: Brühl-Badorf und -Pingsdorf

Herstellungszeit: um 900

Da steckt Musik drin – Schalltöpfe für den perfekten Klang

Gleich 136 Keramikgefäße unterschiedlicher Form und Größe wurden in dem Frauenstift St. Walburga in Meschede gefunden – aber nicht etwa in den Wirtschaftsbereichen des Klosters, sondern eingemauert im Boden und in den Wänden der Stiftskirche. Der merkwürdige Fundort dieses außerordentlichen Keramikkomplexes zeigt vor allem die musischen Ansprüche der Schwestern.

Ganz zweifellos sind Klöster mit ihren Werkstätten und Bibliotheken Orte des Wissens, der Kunst und der Bildung. Sie haben uns bis heute viele Erkenntnisse der Antike bewahrt. Aus dieser Epoche stammt auch die Idee, die Akustik mit Schallgefäßen zu verbessern, die man in Wänden und Böden vermauerte. Der römische Autor Vitruv beschreibt im 1. Jahrhundert v. Chr. dieses Vorgehen bei griechischen Theatern. Im Konvent in Meschede war das Werk Vitruvs bekannt und sein Wissen wurde hier zur Verschönerung der Chorgesänge angewandt.

Die Äbtissin kaufte daher im letzten Viertel des 9. Jahrhunderts, als die Klosterkirche errichtet wurde, die Keramikgefäße und ließ sie in der Stiftskirche vermauern. Zum Glück für die Archäologen erwarb sie jedoch kaum lokale Produkte, sondern ließ überwiegend eine helle und besonders verzierte Ware aus dem Rheinland kommen, aus den Töpfereien in und um Badorf und Pingsdorf – heutige Stadtteile von Brühl. Im Fundspektrum der in Meschede gefundenen Gefäße ist der Übergang von der früheren Badorfer Ware mit der typischen Rollstempelverzierung zu der etwas späteren Pingsdorfer Ware mit ihrer roten Bemalung abzulesen. Da der Bau der Kirche naturwissenschaftlich in die Zeit zwischen 897 und 913 datiert werden konnte, sind die Funde aus Meschede der Fixpunkt für die Datierung der Badorfer und Pingsdorfer Ware schlechthin. Zudem fanden sich einige Gefäße aus lokaler Produktion und aus dem nordhessischen Raum im Fundspektrum, weshalb der Fundort von höchster chronologischer Bedeutung für den gesamten deutschen Raum ist.

Die Äbtissin konnte sich die rheinische Ware leisten, weil in Meschede – wie in den zahlreichen anderen Frauenklöstern, die im 9. und 10. Jahrhundert in Westfalen und Sachsen entstanden – die Töchter des Adels lebten. Offenbar war diese Lebensform für die sächsischen Frauen und ihre vermögenden Familien durchaus attraktiv. Die oft reich ausgestatteten Klöster gewährleisteten eine gute Versorgung der Frauen und einer ungeliebten Ehe konnte mit dem Eintritt in das Stift ausgewichen werden. Das ständige Gedenken an die verstorbenen Stifter und ihre Angehörigen steigerte das Ansehen dieser adeligen Familien deutlich. Dass die Äbtissin eines Klosters auch aktiv an der Ausübung der Herrschaft in der Region oder sogar des Reiches teilnehmen konnte, oft gemeinsam mit ihrer Verwandtschaft, war wohl mehr als ein willkommener Nebeneffekt.

Martin Kroker

Weiterführende oder zitierte Literatur

Anja Grothe, Schallgefäße. In: C. Stiegemann/M. Wemhoff (Hrsg.), 799 – Kunst und Kultur der Karolingerzeit. Ausstellungskatalog Paderborn (Mainz 1999) 378–379.

Aline Kottmann, St. Walburga in Meschede. Der karolingische Bau und das Schalltopfensemble. Tübinger Forschungen zur historischen Archäologie 5 (Büchenbach 2015).

Uwe Lobbedey, Schallgefäße aus der ehemaligen Stiftskirche St. Walburga in Meschede. In: Zur Regionalität der Keramik des Mittelalters und der Neuzeit. Beiträge des 26. Internationalen Hafnerei-Symposiums, Soest 5.10.-9.10.1993. Denkmalpflege und Forschung in Westfalen 32 (Bonn 1995) 227–228.

Vitruv (Marcus Vitruvius Pollio), De architectura libri decem. Zehn Bücher über die Architektur. Lateinisch und deutsch, übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Curt Fensterbusch 6(Darmstadt 2008).

Die Badorfer Ware mit der typischen Rollstempelverzierung ist etwas älter als sie spätere Pingsdorfer Ware mit ihrer roten Bemalung. Im Fundspektrum der in Meschede gefundenen Gefäße ist der Übergang abzulesen. © LWL/Stefan Brentführer