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073 Gürtelbeschlag

Karolingische Flower-Power in der westfälischen Provinz

© LWL/Stefan Brentführer

Gürtelbeschlag

Fundort

Brilon-Alme, Wüstung Walberinchusen

Hochsauerlandkreis


Fundumstände

Kontext: Einzelfund aus einer Wüstung

Datum: 2004


Objekt

Material: Buntmetall (vergoldet und versilbert)

Länge: 9,20 cm

Breite: 2,65 cm


Datierung 

9. Jahrhundert

Epoche: Frühmittelalter

Herrschergeschlecht: Karolinger

Karolingische Flower-Power in der westfälischen Provinz

Karl der Große war ein großer Liebhaber der Antike und versuchte in vielen Bereichen an die römische Zivilisation anzuknüpfen. Ein herausragendes Beispiel für die »karolingische Renaissance« in der Baukunst ist der Aachener Dom. Hier ließ Karl sogar antike Säulen einbauen.

Von diesen Säulen lässt sich eine Brücke nach Westfalen schlagen: Am oberen Ende tragen sie sogenannte korinthische Kapitelle, die schon von griechischen Bauten aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. bekannt sind. Die plastische Verzierung dieser Kapitelle setzt sich aus ganz charakteristischen, gezackten Blättern zusammen. Sie sind inspiriert von einer Pflanzengattung, die auch heute noch in Gärten beliebt ist, den Akanthus-Gewächsen. Dieses klassische Motiv findet sich in der Buchmalerei, aber auch auf Metallarbeiten, insbesondere auf Gürtelbeschlägen, die zu einem Schwertgurt gehören. Die handwerkliche und künstlerische Qualität der Beschläge ist sehr unterschiedlich, manchmal blieb von der Blattornamentik nur noch ein wirres Winkelmuster übrig.

Ein herausragendes Stück verdanken wir einem Sondengänger. Er fand den Beschlag in Brilon-Alme im Bereich der Wüstung Walberinchusen, einer aufgegebenen Siedlung, die zwar erst 1194 in den Schriftquellen auftaucht, aber nach den archäologischen Funden bereits im 9. Jahrhundert bestanden hat. Der Beschlag ist – auch wenn das Grundmaterial nur Buntmetall ist – überaus aufwendig gearbeitet. Die mit Akanthusblättern bedeckten Flächen sind im scharf konturierten Kerbschnitt ausgeführt und vergoldet. Die dazwischenliegenden Zierfelder tragen eine dicke Silberauflage, in die noch schwarze Fäden aus Niello, einer Substanz aus Schwefelsilber, eingelegt sind. Sie stellen wohl Blütenkelche dar. Das Wechselspiel aus den Farben Gold, Silber und Schwarz, aus hoch und tief liegenden Flächen und den Schatten, die der Kerbschnitt wirft, ergibt immer neue, lebendige Ansichten des Beschlags – eine absolut gelungene Komposition. Ein in Form und Verzierung fast identisches Stück kennen wir von der karolingischen Wallburg Hünenknäppen bei Ahlen-Dolberg.

Und welch ein Glücksfall: Wir können genau sagen, wo diese Beschläge produziert wurden! Nicht etwa in einer Feinschmiede an einem Königs- oder Adelshof, sondern in einer ländlichen Siedlung bei Ostbevern im Kreis Warendorf lagen in einem Werkstattareal bleierne Vorlagen für genau solche Beschläge. Wer der Schmied war, wissen wir nicht. Die Funde zeigen aber, dass man in Westfalen genau wusste, was am Hofe Karls des Großen in Mode war, und dass man hier die lokale Kundschaft – sicher nicht jedermann – mit allerbesten Schwertgurten ausstatten konnte, die einen Vergleich mit Gürteln aus den Zentren der Macht nicht zu scheuen brauchten.

Christoph Grünewald

Museum

 

Zentrales Fundarchiv der LWL-Archäologie für Westfalen, Münster (nicht öffentlich zugänglich)

Weiterführende oder zitierte Literatur

Rudolf Bergmann, Die Wüstungen des Hoch- und Ostsauerlandes. Studien zur Kulturlandschaftsentwicklung in Mittelalter und früher Neuzeit. Bodenaltertümer Westfalens 53 (Darmstadt 2015) 182–189, Abb. 160.