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062 Schatzfund mit Merkur

Hatte Tacitus doch recht? Merkur schützt auch Germanen

© LWL/Stefan Brentführer

Schatzfund

1 Merkurstatuette
1 Goldring
6 Silberringe
2 Bronzestäbchen

Fundort

Beelen

Kreis Warendorf


Fundumstände

Kontext: Hortfund

Datum: 1928


Objekt

Material: Bronze (Statuette, Stäbe), Gold, Silber (Ringe)

Statuette: Höhe 11 cm

Goldring: Durchmesser 6,3 cm


Datierung 

um 500

Epoche: Frühmittelalter

Herrschergeschlecht: Merowinger


Import (Merkur)

Herstellungsregion: Römisches Reich

Herstellungszeit: ca. 200 n. Chr.

Hatte Tacitus doch recht? Merkur schützt auch Germanen

»Unter den Göttern verehren sie am meisten Merkur«, berichtet der römische Geschichtsschreiber Tacitus im Jahr 98 n. Chr. in seiner »Germania« über die Germanen. Flügelhelm, geflügelte Stiefel und der übliche Geldbeutel ließen denn auch keinen Zweifel: Bei der Bronzefigur, die zusammen mit Gold- und Silberringen in einem Tongefäß 1928 in Beelen gefunden worden war, handelt es sich um eine Statuette des römischen Gottes.

Ungefähr ein Dutzend Statuetten römischer Gottheiten gibt es in Westfalen und aus dem restlichen Nordwestdeutschland stammen noch mehr. Dabei kommt Merkur, der bei den Römern zuständig war für den Handel und für den Schutz von Reisenden und ihrer Wege, am häufigsten vor, aber auch Götterchef Jupiter und der Kriegsgott Mars sind vertreten. Weibliche Figuren fehlen überraschenderweise im Repertoire völlig, obwohl die Germanen durchaus auch Göttinnen verehrten.

Was unseren Merkur so spannend macht, sind die Dinge, die zusammen mit ihm gefunden wurden. Da ist zunächst der goldene, mit Punzen verzierte Ring. Gearbeitet ist er wie ein Halsring, aber viel zu klein – und auch als Armring taugt er nicht. Vergleichsstücke findet man erst in England, in zwei Gräbern aus der Zeit um 500. Auch der praktische Wert der Silberringe ist gering. Die Drahtringe könnten als Ohrringe gedient haben, aber die Blechringe? Den Abschluss bilden zwei Bronzestäbchen, die sich nur dadurch unterscheiden, dass bei einem an der Stirnseite ein Kreuz eingraviert ist. Diese sogenannten Orakelstäbchen dienten zum Losen oder als Entscheidungshilfe (→ Nr. 069).

Warum die Kombination aus einer Statuette, unpraktischen Ringen und einem Orakel spannend ist? Den Schlüssel liefern römische Statuetten aus privaten Hausaltären. Sie tragen nämlich Halsringe, zusammen mit anderen Votivgaben. Behängt man nun unseren Merkur mit den Ringen, kann man sich gut vorstellen, dass er den Mittelpunkt eines Hausaltars in einem germanischen Haus in Beelen bildete.

Also hatte Tacitus recht und die Germanen beteten den römischen Merkur an – und das mit einer Figur, die schon damals mindestens 300 Jahre alt war? Kaum vorstellbar. Trotzdem ist seine Aussage nicht ganz falsch: So wie die Römer griechische Götter uminterpretierten – zum Beispiel wurde dort aus Zeus Jupiter –, deuteten anscheinend die Menschen in unserem Raum die römischen Götter für ihre Zwecke um. So entsprach Jupiter wohl Thor und Merkur Odin. Der alte Fund von Beelen zeigt, dass diese »interpretatio germanica« über Jahrhunderte funktionierte – der Westfale war und ist traditionsbewusst. Ein Rätsel bleibt, warum der Hausaltar letztlich vergraben wurde – die Christianisierung Westfalens war noch weit entfernt.

Christoph Grünewald

Weiterführende oder zitierte Literatur

Christoph Grünewald, Ausgrabungen in Beelen – Neue Erkenntnisse zur Frühgeschichte im östlichen Münsterland. In: Heinz Günter Horn u.a. (Hrsg.), Ein Land macht Geschichte. Ausstellungskatalog Köln, Herne. Schriften zur Bodendenkmalpflege in Nordrhein-Westfalen 3 (Mainz 1995) 289–294.

Helmut Schoppa, Ein merkwürdiger Schatzfund von Beelen, Kr. Warendorf. Bodenaltertümer Westfalens 5. Westfalen 21, 1936, 403–409.