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085 Pflugschar

Mit Pflug, Pferd und Brache gegen die Grenzen des Wachstums

© LWL/Stefan Brentführer

Pflugschar eines Beetpfluges

Fundort

Büren-Steinhausen, Ortswüstung Diderikeshusen

Kreis Paderborn


Fundumstände

Kontext: Siedlung

Datum: 1986/1987


Objekt

Material: Eisen

Länge: 37,5 cm

Rekonstruierte Breite: 23 cm (Spitze an der Schneideseite abgebrochen)

Gewicht: 2,97 kg


Datierung 

1. Hälfte 14. Jahrhundert

Epoche: Spätmittelalter

Stilepoche: Gotik

Mit Pflug, Pferd und Brache gegen die Grenzen des Wachstums

Die Bevölkerung Westfalens vermehrte sich vom 9. bis ins 14. Jahrhundert beständig. Um die Menschen satt zu bekommen, brauchte man mehr Nahrung, doch genügend Fleisch lässt sich nur mit hohem Flächenverbrauch produzieren. Getreide spielte daher jetzt eine große Rolle in der Ernährung – jedoch führten Missernten schnell zu Hungersnöten. Ein Teufelskreis, aber Not macht bekanntlich auch erfinderisch.

So kam es nach dem Frühmittelalter zu Innovationen, durch die sich die Art der Feldbestellung erheblich veränderte. Pflüge gab es schon seit der Bronzezeit, aber mit der Entwicklung des Beetpfluges konnte der Boden nicht nur aufgebrochen, sondern auch gewendet werden. Dadurch ließen sich jetzt auch Landstriche mit schwer bearbeitbaren Böden für den Ackerbau nutzen. Zu einem derartigen Pflug gehört die eiserne Pflugschar aus der Ortswüstung Diderikeshusen, einer seit Langem verlassenen Siedlung bei Büren-Steinhausen.

Mit dem von einem Pferdegespann gezogenen Beetpflug wurde der herauszulösende Bodenstreifen mit dem Vorschneidemesser zunächst senkrecht und dann unten mit dem dreieckigen Scharkörper waagerecht abgetrennt. Durch ein hölzernes Streichbrett wurde der Boden anschließend seitlich versetzt, angehoben, gelockert und gewendet. Im archäologischen Versuch ließ sich mit dem Nachbau eines solchen Pfluges eine Pflügetiefe von bis zu 16 cm bei einer Schollenbreite von etwa 20 cm erzielen. Um ein 17 m breites und 500 m langes Beet zu bearbeiten, musste das Gespann bis zu 85-mal hin- und herfahren und eine Strecke von rund 40 km zurücklegen.

In den Wäldern Westfalens kann man noch heute flach gewölbte, parallel zueinander verlaufende Strukturen entdecken. Einstmals waren diese Waldgebiete Ackerland und die Strukturen – sogenannte Wölb- oder Hochäcker – sind die Folgen der Bodenbearbeitung mit dem Beetpflug. Die Scholle wurde mit ihnen nur zu einer Seite gewendet und daher immer wieder zur Beetmitte gekippt. Im Laufe der Zeit entstanden so flache, parallele Rücken.

Uns hilft heute moderne Technik bei der Erkundung der Ackerbauspuren: Bei dem Airborne Laserscanning wird die Erdoberfläche von Flugzeugen aus mit Laserstrahlen abgetastet. Da so selbst im Wald kleine Bodenunebenheiten erfasst werden, können Wölbäcker ohne großen Aufwand dokumentiert werden. Die ausgedehnten Wölbäckerfluren sind Zeugen der Neuerungen, die die Grundlage für ein starkes Bevölkerungswachstum bildeten. Es wurde erst durch zahlreiche Fehden und die Pestwelle im 14. Jahrhundert beendet. Schließlich wurden viele Siedlungen völlig aufgegeben und fielen wüst – so auch Diderikeshusen, der Fundort unserer Pflugschar.

Rudolf Bergmann

Weiterführende oder zitierte Literatur

Rudolf Bergmann, Zwischen Pflug und Fessel. Mittelalterliches Landleben im Spiegel der Wüstungsforschung. Ausstellungskatalog Münster (Münster 1993).

Rudolf Bergmann, Mittelalterliche Agrarwirtschaft und Wüstungsbildung in Westfalen. In: Eike Gringmuth-Dallmer/Jan Klápste (Hrsg.), Tradition –Umgestaltung – Innovation. Transformationsprozesse im hohen Mittelalter. Praehistorica, Acta Instituti archaeologici Universitatis Carolinae Pragensis 31/2 (Prag 2014) 585–612.

Rudolf Bergmann/Hans-Werner Peine/Hans-Otto Pollmann/Martin Schaich, Ergebnisse des Airborne Laserscanning am Nordrand der Warburger Börde. Archäologie in Westfalen-Lippe 2011, 2012, 217–220.

Eike Gringmuth-Dallmer, Wendepflug und Planstadt? Forschungsprobleme der hochmittelalterlichen Ostsiedlung, Siedlungsforschung. Archäologie – Geschichte – Geographie 20, 2002, 239–255.

Paul Leser, Entstehung und Verbreitung des Pfluges. Anthropos-Bibliothek 3,3 (Münster 1931).