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006 Bohrer mit Geröllkeule

Ein wohl zu ehrgeiziges Projekt: eine unfertige Geröllkeule

Geröllkeule mit Bohrwerkzeug

Fundort

Saerbeck »Südhoek«

Kreis Steinfurt


Fundumstände

Kontext: Deponierung

Datum: 2012


Objekt

Geröllkeule

Material: Granit

Länge: 12,7 cm

Breite: 10,3 cm

Dicke: 8,5 cm

Gewicht: 1,498 kg

 

Bohrer

Material: Feuerstein

Länge: 6,0 cm

Breite: 4,5 cm

Dicke: 2,8 cm

Gewicht: 87 g


Datierung 

um 6000 v. Chr.

Epoche: Spätmesolithikum

 

Ein wohl zu ehrgeiziges Projekt: eine unfertige Geröllkeule

Um nicht an einem anspruchsvollen Vorhaben zu scheitern, wählt man üblicherweise den Weg des geringsten Widerstandes. So nahmen auch die Menschen in der Mittelsteinzeit für die Herstellung von Geröllkeulen – die sie als Werkzeug oder Waffe verwendeten – meistens von Natur aus flache, runde Steine, die sie nicht mehr bearbeiten und nur noch durchbohren mussten. Solche arbeitsökonomischen Überlegungen spielten bei dem in jeder Hinsicht ungewöhnlichen Saerbecker Exemplar offensichtlich keine Rolle. Vielmehr war hier ein überdimensionierter Stein erst in ein perfekt gerundetes, eiförmiges Werkstück verwandelt worden, bevor der ambitionierte Handwerker auf einer Seite mit der Durchlochung begann. Dieses Loch hätte später einen Holzschaft aufgenommen.

Auffällig sind auch das untypisch hohe Gewicht der Keule von knapp 1,5 kg und die wohl gezielte Auswahl eines optisch sehr ansprechenden Gesteins, einem rötlichen Granit mit schwarzen Einsprengseln. Auch wenn die moderne Forschung davon ausgeht, dass Geröllkeulen per se nicht als Statussymbol zu deuten sind: In diesem Fall steht wohl außer Frage, dass hier kein normales Arbeitsgerät bzw. keine einfache Gebrauchswaffe, sondern ein repräsentatives Einzelstück geschaffen werden sollte.

Nimmt die Saerbecker Keule schon rein äußerlich eine Sonderstellung unter den etwa 70 Geröllkeulen Westfalens ein, so ist ihr Fundzusammenhang bisher einzigartig: Bei archäologischen Baggerarbeiten wurde 2012 eine kleine Deponierung von fünf Steinen angeschnitten – unter denen nicht nur die Keule, sondern auch das Bohrwerkzeug war, das bei der begonnenen Durchlochung Verwendung gefunden hatte! Dieser Feuersteinkern zeigt an einem Ende und den anschließenden Kanten deutliche Abriebspuren, die den Arbeitsablauf bei der Lochung widerspiegeln: Zuerst wurde eine Grube in die Keule gepickt, die dann durch Drehen des Bohrers – wahrscheinlich unter Zugabe von Sand und Wasser als Schleifmittel – vertieft wurde. Setzt man den Feuersteinkern in den passgenauen, ca. 2 cm tiefen Trichter der Keule ein, wird schnell deutlich, dass mit diesem Gerät nur eine Anbohrung des 8,5 cm dicken Keulenkopfes von beiden Seiten möglich gewesen wäre. Zur vollständigen Durchlochung hätte später ein Bohrstab eingesetzt werden müssen.

Ist das vielleicht der Grund dafür, dass die Keule unfertig blieb? War das Projekt nicht ausreichend durchdacht und der Arbeitsaufwand unterschätzt worden? Wir wissen es nicht – können aber feststellen, dass auch schon vor 8000 Jahren nicht alle handwerklichen Arbeiten nach Plan liefen, und uns darüber freuen, dass Werkstück und Werkzeug zusammen eingelagert und letztlich vergessen wurden.

Jürgen Gaffrey

Weiterführende oder zitierte Literatur

Erik Drenth/Marcel Niekus, Stone Mace-Heads and Picks: A Case-Study from the Netherlands. In: Philippe Crombé u. a. (Red.), Chronology and Evolution within the Mesolithic of North-West Europe. Proceedings of an International Meeting, Brussels, May 30th–June 1st 2007 (Cambridge 2009) 747–766.

Jürgen Gaffrey, Geröllkeule mit Bohrer – ein ungewöhnliches Fundensemble aus Saerbeck. Archäologie in Westfalen-Lippe 2014, 2015, 37–40.

Rudi S. Hulst/Arie D. Verlinde, Geröllkeulen aus Overijssel und Gelderland. Berichten van de Rijksdienst voor het Oudheidkundig Bodemonderzoek 26, 1976, 93–126.

Kurt Tackenberg, Die Geröllkeulen Nordwestdeutschlands. In: Gisela Freud (Hrsg.), Festschrift für Lothar Zotz. Steinzeitfragen der Alten und Neuen Welt (Bonn 1960) 507–538.

Kurt Tackenberg, Neue Geröllkeulen aus Nordwestdeutschland. Quartär 21, 1970, 81–92.

© LWL/Stefan Brentführer