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043 Glasarmringe

Achtung, zerbrechlich! Glasschmuck in Westfalen

© LWL/Stefan Brentführer

Glasarmringe und -perlen

Fundort

Olfen-Kökelsum

Kreis Coesfeld


Fundumstände

Kontext: Siedlung

Datum: 2008


Objekt

Material: blaues Glas mit gelber Fadenauflage

Länge: noch max. 1,8 cm

Breite: noch max. 1,6 cm

Dicke: max. 0,65 cm


Datierung 

1. Jahrhundert v. Chr.

Epoche: späte Eisenzeit


Import

Herstellungsregion: wahrscheinlich Rheinmündungsgebiet

Herstellungszeit: 1. Jahrhundert v. Chr.

Achtung, zerbrechlich! Glasschmuck in Westfalen

Glas ist für uns heute nichts Besonderes: Fensterglas, Trinkgläser, Flaschen und andere Produkte sind Massenwaren, die oft bereits nach einmaligem Gebrauch weggeworfen oder recycelt werden. Vor gut 2000 Jahren war das ganz anders. Glasprodukte hatten einen hohen Stellenwert, waren selten und wertvoll. Aus Glas wurden besondere und repräsentative Schmuckstücke wie zum Beispiel bunte Perlen oder Armringe hergestellt. Gerade blaue Armringe waren mit ihrem D-förmigen Querschnitt oder mit fünf bis sieben Rippen und gelber Fadenauflage auf der Außenseite formschöne Qualitätsprodukte, deren Herstellung Fachwissen und spezielle Rohstoffe zur Erzeugung der Farbe erforderte. Sie waren auch in Westfalen sehr gefragt, allerdings gab es hier in dieser Zeit nachweislich keine Produktionsstätten, die blaues Glas herstellen konnten.

So mussten die Schmuckstücke importiert werden. Wir wissen, dass Glasarmringe seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. an verschiedenen Orten hergestellt wurden, teilweise sind uns sogar die Werkstätten durch Ausgrabungen bekannt. Als Produktionsregionen kommen das niederländische Rheinmündungsgebiet und die Wetterau, aber auch Süddeutschland und Thüringen infrage. Die genaue Herkunft der Fundstücke lässt sich im Einzelfall jedoch nicht mehr ermitteln.

Fraglich ist zudem, auf welchem Weg die kostbaren Glasprodukte nach Westfalen gelangten. Mittlerweile sind hier immerhin gut 100 Fragmente von Glasarmringen bekannt und die Zahl erhöht sich durch Neufunde und verbesserte Grabungsmethoden stetig. Zu dieser Zeit war hierzulande aber noch kein reguläres Münzgeld als Zahlungsmittel üblich, weshalb die Glasprodukte am ehesten im Tauschhandel erworben worden sein dürften. Die Westfalen hatten also offenbar etwas, das sie im Tausch für die Ringe anbieten konnten – was auch immer das gewesen sein mag.

Vollständige Exemplare sind aus Westfalen nicht bekannt. So wurden auch bei einer Ausgrabung vor dem Bau eines Freizeitbades in Olfen-Kökelsum nur zwei Bruchstücke von Glasarmringen mit D-förmigem Querschnitt sowie zwei mit fünf Rippen gefunden. Alle Exemplare haben eine gelbe Fadenauflage und wurden zusammen mit Glasperlen in verschiedenen Abfallgruben und Pfostengruben einer eisenzeitlichen Siedlung entdeckt.

Die zerbrechlichen Schmuckstücke übten anscheinend eine besondere Faszination aus. Selbst kleine Bruchstücke wurden noch weit über die Eisenzeit hinaus geschätzt: Dies belegen beispielsweise einige Armringfragmente aus frühmittelalterlichen – also deutlich jüngeren – Gräbern, die man zu Kettenanhängern umgearbeitet hatte. Vielleicht wurden sie als Amulette getragen, nachdem die Produktion der Glasarmringe längst eingestellt worden war.

 

Ingo Pfeffer

Archiv

Zentrales Fundarchiv der LWL-Archäologie für Westfalen, Münster (nicht öffentlich zugänglich)

Weiterführende oder zitierte Literatur

Jürgen Gaffrey/Stephan Deiters, Ein Siedlungs- und Bestattungsplatz mit Hausbefunden der Bronzezeit in Olfen. Archäologie in Westfalen-Lippe 2009, 2010, 34–38.

Mathias Seidel, Glasarmringe aus Westfalen. In: Michael Zelle (Hrsg.), Terra incognita? Die nördlichen Mittelgebirge im Spannungsfeld römischer und germanischer Politik um Christi Geburt. Akten des Kolloquiums im Lippischen Landesmuseum vom 17. bis 19. Juni 2004 (Mainz 2008) 107–112.

Stadt Olfen (Hrsg.), Unter dem Freizeitbad … Archäologische Entdeckungen in Olfen-Kökelsum (Olfen 2010).

Maria-Anna Zepezauer, Leuchtendes Blau – Glasschmuck der Eisenzeit in Westfalen. In: Jürgen Gaffrey/Eva Cichy/Manuel Zeiler, Westfalen in der Eisenzeit (Darmstadt 2015) 152–155.