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020 Kinderbestattung

Eine »Wiege« für die Ewigkeit – eine bronzezeitliche Kinderbestattung

© LWL/Stefan Brentführer

Pithosbestattung

Fundort

Ostbevern-Schirl, Rottwinkeler Heide

Kreis Warendorf


Fundumstände

Kontext: Grab in einer Siedlung

Datum: 1981/1982


Objekt

Material: Keramik

Höhe: ca. 27 cm bzw. 34 cm


Datierung 

2100–1800 v. Chr.

Epoche: Frühe Bronzezeit

Eine »Wiege« für die Ewigkeit – eine bronzezeitliche Kinderbestattung

Was war das nur? Eine Bombe? Eine Art Tresor, in dem jemand etwas Wertvolles versteckt hatte? Oder liegen die Keramikgefäße nur zufällig so? Zwei mit den Mündungen ineinandergesteckte Gefäße lagen waagerecht im scheinbar ungestörten Sand. Sie stellten die Archäologen, die 1981/1982 in Ostbevern-Schirl eine bronzezeitliche Siedlung untersuchten, vor ein großes Rätsel. Um das Geheimnis des seltsamen Fundes zu lüften, wurde er im Block geborgen und sein Inhalt anschließend in der Werkstatt freigelegt. Darin fanden sich kleine, zarte menschliche Knochen von einem etwa zwei Monate alten Säugling. Für die Beisetzung hatte man das Kind sehr liebevoll in den kleineren, schmucklosen Becher gesetzt, bevor der größere, verzierte Becher zum Schutz über sein Köpfchen und den Oberkörper geschoben wurde. Die Knochen blieben nur erhalten, weil die Nahtstelle zwischen den Gefäßen luft- und wasserdicht verschlossen worden war. Das Rätsel war gelöst: weder ein Tresor noch Zufall, sondern eine Wiege für die Ewigkeit!

Meist wurden die Menschen in der frühen Bronzezeit noch in Körpergräbern beigesetzt, dagegen wird in der späten Bronzezeit die Brandbestattung üblich. Die Sitten wandeln sich also grundlegend. Während des gesamten Zeitraumes hat man Hügel über den Gräbern angelegt und sie mit Steinsetzungen, Pfostenreihen oder Gräben eingefasst. Eine Bestattung wie in Ostbevern ist also ein absoluter Sonderfall.

Kinderbeisetzungen in solch großen Gefäßen, die auch als Vorratsgefäße (= griech. Pithos) dienten, werden nach mediterranen Vorbildern als Pithosbestattungen bezeichnet. Während in einigen – wie in Ostbevern – unverbrannte Körper beigesetzt wurden, lagen in anderen die verbrannten Knochen, oft waren die Gefäße auch leer. Es wurden nicht immer vollständige Behältnisse genutzt. Vielfach wurden halbierte Exemplare oder große Scherben als Unterlage und Abdeckung der Bestattung verwendet. Die oft kaum erkennbaren Gruben waren meistens an die Gefäßgröße angepasst.

Im Gegensatz zu Westfalen treten Pithosbestattungen in anderen Teilen Mitteleuropas in der frühen Bronzezeit immer wieder auf, sowohl in Siedlungen als auch gelegentlich zusammen mit anderen Gräbern. So häuften sich in jüngster Zeit Funde im Verbreitungsgebiet der frühbronzezeitlichen Aunjetitzer Kultur in Mitteldeutschland und Böhmen. Hauptsächlich kommen sie aber im mediterranen Raum, zum Beispiel in Italien, Griechenland und Spanien, vor. Ob diese Sitte von dort nach Mitteleuropa gelangte bzw. ob es sich hier um eine eigenständige Entwicklung handelt, ist bisher umstritten. Eines zeigt die Pithosbestattung aber eindeutig: Ostbevern war Teil der bronzezeitlichen Ideenwelt.

Andrea Stapel

Weiterführende oder zitierte Literatur

Daniel Bérenger, Die Frühbronzezeit in Westfalen. Archäologie in Ostwestfalen 5, 2000, 19–28.

Walter Finke, Vor- und Frühgeschichte Ostbeverns. In: Geschichte der Gemeinde Ostbevern 1: Von den Anfängen bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts (Ostbevern 2000) 11–37.

Andrea Moser, Eine frühbronzezeitliche Pithosbestattung von Oechlitz, Saalekreis. In: Harald Meller/Matthias Becker (Hrsg.), Neue Gleise auf alten Wegen II. Jüdendorf bis Gröbers. Archäologie in Sachsen-Anhalt, Sonderband 26/2 (Halle/Saale 2017) 373–376.

Andreas Selent, Eine seltene Aunjetitzer Pithosbestattung und weitere Bestattungen und Siedlungsreste der frühen Bronzezeit bei Quedlinburg, Ldkr. Harz, und ein vergleichbarer Befund aus Eulau, Burgenlandkreis. Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte 91, 2007 (2009), 201–242.

Andrea Stapel, Wiege für die Ewigkeit: Die Pithosbestattung aus Ostbevern-Schirl. In: Daniel Bérenger/Christoph Grünewald (Hrsg.), Westfalen in der Bronzezeit (Münster 2008) 128.