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030 Bronzeamphore

Bronzene Schönheit mit Migrationshintergrund – das archäologische Highlight Westfalens

Bronzeamphore

Fundort

Olsberg-Gevelinghausen

Hochsauerlandkreis


Fundumstände

Kontext: Brandbestattung

Datum: 13. April 1961


Objekt

Material: Bronze

Höhe: 37 cm

Durchmesser: max. 38 cm, Rand 25 cm, Fuß 17 cm


Datierung 

Niederlegung: 772–400 v. Chr. (14C-Datierung)

Epoche: Späte Bronze- oder Eisenzeit


Import

Herstellungsregion: Norddeutschland oder Dänemark

Herstellungszeit: 9.–8. Jahrhundert v. Chr.

Bronzene Schönheit mit Migrationshintergrund – das archäologische Highlight Westfalens

Dieses Prachtstück ist nicht mehr wegzudenken aus der westfälischen Archäologie, es ziert Bücher, Banner und in verfremdeter Form auch die offizielle Internetseite der LWL-Archäologie. Dabei begann die Karriere der Urne von Gevelinghausen als Fundstück wenig glamourös: Zwei Bauarbeiter entdeckten sie ausgerechnet beim Bau einer Jauchegrube auf einem Bauernhof im Sauerland. Sie meinten, einen vom Regen freigespülten Blindgänger gefunden zu haben. Erst als sie die Verzierung sahen, wurde ihnen bewusst, dass es sich um kein Kriegsrelikt handelt.

Die Bauarbeiter hatten einen Jahrhundertfund gemacht! In ganz Europa gibt es nur halbes Dutzend äußerst qualitätvoll gearbeitete Bronzeamphoren, die sich mit dieser vergleichen lassen. Sie war viele Generationen in Benutzung, denn hergestellt wurde unser Exemplar wohl im 9. oder 8. Jahrhundert v. Chr., es kam aber erst mindestens 100 Jahre später in den westfälischen Boden. Hier fand das Gefäß als Urne seine letzte Verwendung: In einem Leinensäckchen wurden in der Amphore in der späten Bronze- oder Eisenzeit die verbrannten Knochen eines ca. 20 bis 40 Jahre alten Mannes und zwei mit Kreisaugen verzierte Knochenplättchen deponiert; es könnte sich um Spielsteine handeln – eine damals ungewöhnliche Beigabe im Grabzusammenhang.

Das Luxusgeschirr wurde aus vier einzelnen Blechen zusammengenietet. Über 10.500 Punzeindrücke als in Reihen und Kreisen angeordnete Buckel und Punkte überziehen die Oberfläche der Bronzeamphore. Aber was bedeuten sie? Hatten die vielen Buckel und Kreise vielleicht die Funktion eines Kalenders? Das untere Bildfeld zieren zudem mehrere »Vogel-Sonnen-Barken«, bei denen eine »Sonne« aus mehreren konzentrischen Kreisen über einem Boot steht, das in stilisierten Vogelköpfen ausläuft. Aus der Bronzezeit Mitteleuropas gibt es nur wenige bildliche Darstellungen; die »Vogel-Sonnen-Barke« ist eines der zentralen religiösen Motive der jüngeren Bronzezeit. Sollten die stilisierten Vogelköpfe den Lauf der Seele oder der Sonne symbolisieren, die – wie man es aus der ägyptischen Mythologie kennt – vom Sonnengott auf einem mastlosen Boot, einer Barke, über den Himmelsbogen transportiert wurde?

Auch der ursprüngliche Verwendungszweck dieser aufwendig hergestellten Bronzegefäße ist rätselhaft. In südlichen Gefilden wie Italien, wo diese Behältnisse häufiger vorkommen, hat man darin vielleicht Wein bei Trinkgelagen oder Kultfesten gemischt. Die motivische Gestaltung unserer Bronzeamphore weist aber eher auf eine Herkunft aus einer anderen Richtung: Einige der Vergleichsstücke wurden wohl in einer Werkstatt in Norddeutschland oder Dänemark hergestellt. Die Zweitverwendung als Urne ist auf jeden Fall außergewöhnlich!

Michael M. Rind

Weiterführende oder zitierte Literatur

Albrecht Jockenhövel, Eine Bronzeamphore des 8. Jahrhunderts v. Chr. von Gevelinghausen, Kr. Meschede (Sauerland). Germania 52, 1974, 16–54.

Albrecht Jockenhövel, Geschlagen aus Blech – Frühe Bronzegefäße. In: Albrecht Jockenhövel/Wolf Kubach (Hrsg.), Bronzezeit in Deutschland. Archäologie in Deutschland, Sonderheft (Stuttgart 1994) 81–83.

Albrecht Jockenhövel, Die Bronzeamphore von Gevelinghausen: »Vogel-Sonnen-Barke« in Westfalen. In: Daniel Bérenger/Christoph Grünewald (Hrsg.), Westfalen in der Bronzezeit (Münster 2008) 112–113.

© LWL/Stefan Brentführer